Föderalismus in Zahlen: Bund, Kantone und Gemeinden
Wie viele politische Ämter es in Bund, Kantonen und Gemeinden gibt, wo die Gemeindeversammlung entscheidet und warum der Stadtrat nicht überall regiert.
Wer von Bern nach Zürich zieht, lernt als Erstes ein neues Wort für eine bekannte Sache. In Bern ist der Stadtrat das Parlament: 80 Mitglieder, die debattieren, Vorstösse einreichen und das Budget beschliessen. In Zürich ist der Stadtrat die Regierung: neun Mitglieder, von denen jedes ein Departement führt. Das Parlament heisst in Zürich Gemeinderat. In Bern heisst so die Regierung.
Das ist kein Zufall, sondern eine Folge davon, wie die Schweiz gebaut ist. Bund, Kantone und Gemeinden organisieren sich jeweils selbst, und jede Ebene hat ihre eigenen Gremien, Grössen und Namen. Dieser Text vermisst das System, in dem wir abstimmen: wie viele Menschen darin ein Amt haben, wie unterschiedlich es von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde aussieht, und warum dasselbe Wort an zwei Orten das Gegenteil bedeuten kann.
253 Menschen machen Bundespolitik, rund 100'000 machen Politik
Wenn von Schweizer Politik die Rede ist, geht es meistens um Bern: 200 Nationalräte, 46 Ständeräte, sieben Bundesräte. So legt es die Bundesverfassung in den Artikeln 149, 150 und 175 fest. Das sind 253 Menschen.
Darunter liegen 26 Kantone mit 26 Parlamenten und 26 Regierungen. Die Kantonsparlamente haben zusammen 2'594 Sitze, die Kantonsregierungen 154 Mitglieder. Und darunter liegen 2'110 Gemeinden, jede mit einer eigenen Exekutive und vielen Kommissionen, etwa für Schule, Bau, Finanzen oder Einbürgerung.
Quellen: Bundesverfassung; Kantone: Sitzzahlen der 26 Kantone, eigene Addition; Gemeinden: BFS, Amtliches Gemeindeverzeichnis, Stand 25.09.2026; Gemeindeexekutiven: Nationales Gemeindemonitoring 2023; Gemeindeparlamente: Michael Strebel, Stand 6.4.2025, mit durchschnittlich 37 Sitzen hochgerechnet.
Der Schweizerische Gemeindeverband schätzt, dass sich rund 100'000 Personen in einem politischen Amt engagieren, in einer Exekutive, einem Parlament oder einer Kommission. Bund und Kantone zusammen haben gut 3'000 Sitze. Rund 97 Prozent der politischen Ämter der Schweiz liegen also in den Gemeinden.
Wer dort ein Amt übernimmt, macht das meistens neben dem Beruf. Laut dem Nationalen Gemeindemonitoring arbeitet ein Mitglied einer Gemeindeexekutive im Durchschnitt rund zehn Stunden pro Woche für sein Amt, ein Gemeindepräsident rund zwanzig. Die Exekutivmitglieder sind im Durchschnitt 54 Jahre alt, rund ein Viertel sind Frauen, und 48 Prozent gehören keiner Partei an. Fast jede zweite Gemeinde hat Mühe, genügend Kandidaten für ihre Exekutive zu finden.
Bern hat 334 Gemeinden, Glarus hat drei
Wie ein Kanton sich gliedert, entscheidet er selbst. Der Kanton Bern hat laut BFS 334 Gemeinden, die Waadt 300, der Aargau 196. Glarus und Basel-Stadt kommen mit je drei aus, Appenzell Innerrhoden mit fünf.
Ebenso frei sind die Kantone bei der Grösse ihres Parlaments. Appenzell Innerrhoden hatte Ende 2025 16'890 Einwohner und einen Grossen Rat mit 50 Sitzen. Auf einen Sitz kommen 338 Einwohner. Im Kanton Zürich sind es 1'632'918 Einwohner und 180 Sitze im Kantonsrat, also 9'072 Einwohner pro Sitz, fast 27-mal so viele. Im Nationalrat kommen im Durchschnitt 45'636 Einwohner auf einen Sitz.
Eine Stufe tiefer verschieben sich die Grössenordnungen noch einmal. Der Zürcher Gemeinderat, das Parlament der Stadt, hat 125 Mitglieder und ist nach eigenen Angaben das grösste kommunale Parlament der Schweiz. Er ist grösser als die Parlamente von 20 Kantonen. Das kleinste Gemeindeparlament hat Russin im Kanton Genf, mit neun Sitzen.
Vier von fünf Gemeinden kommen ohne Parlament aus
Ein eigenes Parlament hatten im April 2025 nur 451 Gemeinden, etwa jede fünfte. In den übrigen entscheidet die Gemeindeversammlung: Wer in der Gemeinde stimmberechtigt ist, kann an einem Abend in die Turnhalle oder den Mehrzweckraum kommen, Fragen stellen und über Budget und Steuerfuss abstimmen.
Die Verteilung folgt weitgehend der Sprachgrenze. Genf und Neuenburg schreiben jeder Gemeinde ein gewähltes Parlament vor. In der Waadt braucht jede Gemeinde mit mehr als 1'000 Einwohnern einen Conseil communal, und allein dieser Kanton stellt über einen Drittel aller Gemeindeparlamente der Schweiz. Auch im Tessin haben die meisten Gemeinden eines. In Uri, Schwyz, Obwalden, Glarus und Appenzell Innerrhoden dagegen gibt es kein einziges, im Kanton Schaffhausen fünf von 26.
Dahinter stehen zwei Formen der Gemeindedemokratie. In der einen wählen die Bürger ein Parlament, das berät und entscheidet. In der anderen entscheiden die Bürger selbst, jeder, der an diesem Abend kommt. Glarus und Appenzell Innerrhoden kennen die zweite Form auch auf Kantonsebene: Einmal im Jahr versammeln sich die Stimmberechtigten unter freiem Himmel zur Landsgemeinde.
Derselbe Name bedeutet an zwei Orten das Gegenteil
Zürich und Bern sind kein Einzelfall. In Genf heisst das Gemeindeparlament Conseil municipal, im Berner Jura heisst so die Exekutive. Die Genfer Exekutive heisst Conseil administratif, und jedes Jahr am 1. Juni wird eines ihrer Mitglieder für ein Jahr Maire. In Neuenburg ist der Conseil communal die Regierung und der Conseil général das Parlament. In der Waadt ist der Conseil communal das Parlament, die Regierung heisst Municipalité.
Auch die Kantonsparlamente heissen nicht überall gleich: in zwölf Kantonen Grosser Rat, in neun Kantonsrat, in vier Landrat. Der Jura nennt seines schlicht Parlement. Bei den Regierungen ist es ähnlich. Meistens heissen sie Regierungsrat, in St. Gallen und Graubünden nur Regierung, in der Romandie Conseil d'État, im Tessin Consiglio di Stato und im Jura Gouvernement. Appenzell Innerrhoden hat eine Standeskommission, an deren Spitze der Regierende Landammann steht. Einen Landammann an der Spitze der Regierung haben neun weitere Kantone, von Uri bis in den Aargau.
In Davos heisst das Parlament Grosser Landrat und hat 17 Mitglieder. Die Regierung heisst Kleiner Landrat, hat fünf Mitglieder und wird vom Landammann geführt, der anderswo Gemeindepräsident hiesse.
Die Namen sind Teil der politischen Tradition, und Änderungen sind umstritten. Der Aargauer Regierungsrat schlug vor, den Gemeindeammann durch ein Gemeindepräsidium zu ersetzen, den Landammann durch ein Regierungspräsidium und den Einwohnerrat durch ein Gemeindeparlament. Der Grosse Rat trat im März 2026 mit 69 zu 64 Stimmen nicht darauf ein. Die alten Bezeichnungen bleiben.
Wie viele Politiker die Schweiz hat, weiss niemand genau
Manche Zahlen in diesem Text sind auf den Tag genau, andere nur Schätzungen. Wie viele Gemeinden es gibt, führt das BFS in einem amtlichen Verzeichnis, das jede Fusion und jeden Kantonswechsel mit Datum festhält. Wie viele Sitze der Nationalrat hat, steht in der Verfassung.
Für die Gemeindeebene gibt es kein solches Verzeichnis. Die Zahl der Gemeindeparlamente zählt der Politikwissenschaftler Michael Strebel, der dazu eine eigene Übersicht führt. Die Zahl der Exekutivsitze stammt aus einer Befragung, die alle fünf bis sechs Jahre durchgeführt wird. Und die 100'000 Milizämter sind eine Schätzung des Gemeindeverbands. Die Zahlen ändern sich zudem laufend, weil Gemeinden fusionieren und dabei Gremien verschwinden: In zehn Jahren ist die Zahl der Exekutivsitze in den Gemeinden laut Gemeindemonitoring um rund 2'000 gesunken.
Die Schweiz weiss auf den Tag genau, wie viele Gemeinden sie hat. Wie viele Menschen sie regieren, weiss sie nur ungefähr.
Oliver Herren ist Mitgründer von Plural, Digitec Galaxus und True Wealth. Er schreibt hier seine persönliche Meinung, nicht die von Plural.